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Erbschaftsteuer – Die Unberechenbare

Die neuen Regelungen zur Erbschaftsteuer sind da. Daraus klare Handlungsempfehlungen abzuleiten fällt vielen Familien schwer. Dabei können und sollten Unternehmer im Hinblick auf den in mittlerer Zukunft anstehenden Generationswechsel schon jetzt viel tun.

 

Nach langem Ringen hat der Gesetzgeber am 4. November 2016 endlich neue Rahmenbedingungen für die Übergaben von Unternehmensvermögen gesetzt. Diese sind sogar rückwirkend anwendbar auf alle Erwerbe ab dem 1. Juli 2016.
Eine Kernbotschaft ist: Eine Übergabe zu einer Nullsteuer wird für kein deutsches Familienunternehmen mehr möglich sein. Es kommt in jedem Fall zu einer Steuerbelastung.

 
Für große Unternehmen kosten Generationenwechsel zukünftig im Worst Case Erbschaftsteuer auf den vollen Unternehmens- bzw. Anteilswert. Auch für kleine und mittlere Unternehmen mit einem hohen Forderungsbestand und hohem EK-Anteil kann eine volle Erbschaftsteuerbelastung im Raum stehen. In fast jedem Fall gibt es aber gezielte Maßnahmen, die die Situation verbessern. Diese betreffen einerseits die Inhaberebene und andererseits die Bilanz- und Investmentseite des Unternehmens. Der Einfluss auf die Unternehmensseite ist indes gerade bei weit verzweigten Gesellschafterkreisen nicht für jeden Anteilseigner möglich. Hier ist Streit vorprogrammiert.


Es wird schnell klar, dass sich jeder Unternehmer bzw. Anteilseigner als auch potenzieller Erwerber schnellstmöglich einen Überblick über die auf dem Unternehmen(santeil) latent lastende Erbschaftsteuerbelastung verschaffen und Liquiditätsvorsorge betreiben muss. Die Berechnung der latenten Erbschaftsteuerbelastung ist dabei alles andere als simpel und erfordert mit mehr als 20 Prüfungsschritten schon bei einfachen Unternehmensstrukturen Unterstützung durch Berater und bestenfalls Softwarelösungen.

Kernpunkte der Reform

Das neue Erbschaftsteuerrecht differenziert bei der Verschonungsfähigkeit nach großen, mittleren und kleinen Familienunternehmen oder besser gesagt bestimmten Erwerbsgrößen.
Bei einem Erwerb von bis max. 26. Mio. EUR gibt es – dem Grunde nach – eine Verschonung wie bisher (85%iger Abschlag oder 100%iger Abschlag bzw. Befreiung). Allerdings nicht mehr auf das gesamte Betriebsvermögen: Bestimmte Wirtschaftsgüter in der Bilanz sind schädlich (sog. Verwaltungsvermögen) und werden – vereinfacht gesagt – wie Privatvermögen voll besteuert. Dies trifft also jedes Unternehmen.

Im Korridor über 26 Mio. EUR bis ca. 90 Mio. EUR entfällt die Verschonungsmöglichkeit zunächst ganz! Der Steuerpflichtige hat – neben der Zahlung der vollen, mindestens 30%igen Erbschaftsteuer – dann zwei Möglichkeiten: Er kann a) den in Stufen abschmelzenden Verschonungsabschlag oder b) einen teilweisen Erlass der Steuerschuld beantragen.


Das sukzessive Abschmelzen des Verschonungsabschlags ab 26 Mio. EUR führt dazu, dass ab einem Erwerb von etwa 90 Mio. EUR gar kein Abschlag mehr gewährt wird. Nachfolgend werden daher als Großerwerbe/große Familienunternehmen solche betrachtet, die die 90-Mio.-EUR-Grenze wertmäßig überschreiten.

 

Unternehmenswert als Ausgangsgröße

Zur Ermittlung, in welchen „Topf“ eine Übertragung auf Nachfolger zukünftig eingeordnet würde, ist zunächst der richtige Unternehmens- bzw. Anteilswert festzustellen.


Standardverfahren ist das sog. vereinfachte Ertragswertverfahren (durchschnittlicher Gewinn vor Steuern abzgl. 30 % × Kapitalisierungsfaktor). Extrem hohe Unternehmenswerte werden durch die neue Deckelung des Kapitalisierungsfaktors unabhängig vom Basiszins auf 13,75 % vermieden. Trotzdem ergibt sich bereits bei Unternehmen mit einem durchschnittlichen Jahresgewinn vor Steuern von ca. 3 Mio. EUR ein Wert von 26 Mio. EUR. Bei einer Gewinngröße von ca. 9,4 Mio. EUR (vor Steuern) kommt man an die 90-Mio.-Grenze.


„Große Familienunternehmen“ bzw. große Erwerbe ab 90 Mio. EUR

Ziel bei großen Familienunternehmen bzw. Inhabern wertmäßig großer Anteile ist es zunächst, Potenziale zur Reduzierung des Werts zu heben. Das Gesetz lässt eine abweichende Wertermittlung nach anderen Verfahren zu. Erfahrene Bewertungsexperten mit Branchenkenntnissen können helfen, einen niedrigeren Wert darzulegen und so die 90-Mio.-Schwelle zu unterschreiten, um erbschaftsteuerlich in eine günstigere Kategorie zu rutschen (siehe Folgebeitrag im nächsten Unternehmerbrief zur Erbschaftsteuerbelastung für mittlere und kleine Familienunternehmen). Für die 26-Mio.-Grenze wird es aber selten reichen. Aus diesem Grund ist in einem nächsten Schritt zu prüfen, ob von dem sog. Wertabschlag für „Familienunternehmen“ profitiert werden kann, den der Gesetzgeber mit bis zu 30 % zulässt. Hierfür sind strenge Ausschüttungs-/Entnahmebeschränkungen, Abfindungsbeschränkungen sowie Verfügungsbeschränkungen im Gesellschaftsvertrag einzuhalten. Diese werden nach unserer Erfahrung in der Praxis bisher nicht gelebt. Auf den Prüfstand müssen zunächst alle Gesellschaftsverträge. Dann muss ausgelotet werden, ob eine Änderung des Gesellschaftsvertrags realistisch und (bei vielen Gesellschafterstämmen) durchsetzbar ist. Die strengen Vorgaben müssen bereits zwei Jahre vor einer Übertragung erfüllt und 20 Jahre danach auch noch eingehalten werden. Folge ist eine 20-jährige Umstrukturierungsbremse – Einbringungen oder Verschmelzungen der Topholding werden bis auf weiteres schwierig.

Daher müssen Betroffene über weitere Maßnahmen zur Wertverringerung nachdenken: Die nachteiligen Schwellenwerte gelten grundsätzlich nur für den Erwerb zwischen zwei bestimmten Personen. Anzudenken ist daher eine Nachfolge mit mehreren Erwerbern statt einem Thronfolger, um den Anteil wertmäßig zu parzellieren. Innerhalb von zehn Jahren werden alle Erwerbe von derselben Person wertmäßig zusammengezählt. Dies erfordert zukünftig ein sehr langfristiges Denken und kann – steuerlich motiviert – dazu führen, bereits zu jungen unternehmerischen Zeiten minderjährigen oder ggfs. gerade erst geborenen Kindern Teilanteile zu schenken und dies alle 10 Jahre zu wiederholen. Dabei sind allerdings komplexe zivilrechtliche Vorgaben und die u. U. unerwünschte Beteiligung von außenstehenden Dritten zu bedenken.


Auch der Einsatz von Stiftungen als Erwerber zur Schwellenwertunterschreitung kann – steuerlich betrachtet – eine Alternative sein. Kommt kein weiterer Nachfolger, keine Einschaltung von Stiftungen oder aufgrund des Alters kein 10-Jahres-Rhythmus in Betracht, so können „Zwischenerwerbe“ durch andere Personen angedacht werden. So könnten über Kettenschenkungen bisher nicht beteiligte Ehepartner als „Zwischenträger“ eingeschaltet werden, um Anteile wertmäßig zu splitten. Dies ist über güterrechtliche Gestaltungen ohne Erbschaftssteuer möglich.


Solche steuerinduzierten Maßnahmen sind aber stets mit anderen Zielen abzuwägen und erfordern eine langfristige Begleitung sowie Einbettung in eine nachhaltige Inhaberstrategie.

Vorsicht bei sicher geglaubten Schenkungen vor dem 30.6.2016

Grundsätzlich werden Altschenkungen nicht von den neuen Regelungen berührt. Aber diese Erwerbe werden wertmäßig bei zukünftigen Schenkungen in den nächsten 10 Jahren zur Ermittlung der Erwerbsgrenze einbezogen. Sollte sich der Senior bei der letzten Schenkung also einen Restanteil, der isoliert unter 26 Mio. liegt, zurückbehalten haben, kann ein ungeplanter Erbfall ohne Gestaltung zum Bumerang werden.

Antrag auf Steuererlass?

Reichen alle Maßnahmen nicht zu einer deutlichen Senkung der Erbschaftsteuerbelastung, so ist ein Antrag auf (anteiligen) Erlass der Steuerschuld zu überprüfen. Einen Erlass gibt es nur, soweit der Erwerber die Steuerschuld aus seinen verfügbaren Mitteln nicht zahlen kann. Als „verfügbar“ gelten 50 % des geschenkten, aber (!) auch des bereits beim Erwerber vorhandenen unternehmerischen Verwaltungsvermögens sowie des Privatvermögens. Nur ein armer Erwerber ist daher auch ein „guter“ Nachfolger für das Unternehmen. Arm sind z. B. Kinder und Stiftungen! Ein geeigneter Unternehmensnachfolger sollte zumindest nicht noch gleichzeitig mit Privatvermögen (unmittelbar) bedacht werden. Er selbst muss steuergetrieben über ihn entreichernde Maßnahmen nachdenken und sein vorhandenes Vermögen ggfs. weitergeben an Ehefrau, Kinder, Stiftung etc. Auch sollte er in den kommenden 10 Jahren keine weiteren Schenkungen und Erbschaften erhalten, egal von wem!


Nachfolgeüberlegungen müssen somit – soweit durchsetzbar und vertretbar – im gesamten Familienkreis zentral koordiniert und generationsübergreifend miteinander verzahnt werden.

Liquiditätsmanagement bleibt notwendig

Gerade bei großen Unternehmensvermögen ist nicht auszuschließen, dass auch nach Erlassprüfung eine signifikante Zahllast verbleibt. Wie kann diese latente Erbschaftsteuerbelastung im Notfall abgelöst werden? Erhöhte Brisanz besteht in einer hohen Eigenkapitalquote bei deutschen Familienunternehmen und spiegelbildlich vergleichsweise niedrigem Privatvermögen. Entnahmefähige Gewinne sollten zukünftig u. U. nicht unüberlegt stehengelassen und Gesellschafterdarlehen ggfs. zurückgeführt werden. Beim Separieren von Liquidität auf die private Seite sind ertragsteuerliche Stolpersteine zu berücksichtigen.


Der Aufbau einer privaten Vermögenssäule und deren Professionalisierung zur Garantie einer risikoresistenten Rendite und eines wirksamen Controllings (z. B. in Family Offices) rücken in den Vordergrund. Bestehende Family Offices müssen u. U. auf geänderte Anlage- und Risiko-Strategien der Familie gefasst sein.

Zudem sind Kreditfazilitäten im persönlichen, familiären und ggfs. unternehmerischen Bereich zu prüfen. Eine Stundung der Steuerschuld beim Staat ist nur im Erbfall möglich und mit 6 % unattraktiv. Versicherungslösungen könnten zu neuem Leben erwachen.
Gerade bei großen Unternehmen mit weit gestreutem Inhaberkreis sind Konflikte zwischen den Gesellschafterstämmen (Ausschüttungsquoten etc.) vorprogrammiert und drohen, sich auf die Unternehmensebene auszuwirken. Hierfür sollte man im Rahmen inhaberstrategischer Überlegungen und beim Ausloten von Regelungen in Familienverfassungen sensibilisiert sein.


Der Artikel ist in gekürzter Form im INTES UnternehmerBrief, Ausgabe 1/2017 erschienen.

 

Autorin: Dr. Maren Gräfe ist Director Private Clients / Familienunternehmen bei PwC; Kontakt: This e-mail address is being protected from spambots. You need JavaScript enabled to view it.

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